DIE FLUTUNG VON VIKTORIA
The Flooding of the Victoria Plains

22:09 min., DV, 2004


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Turning the Gaze
von Fouad Asfour

Aus der Vogelperspektive scheint es eine religiöse Prozession in einem mittelalterlichen Dorf zu sein, Meßdiener in gelben Gewändern tragen Fahnen und – wie beim nächsten Schnitt näher heran zu sehen ist – einen gläsernen Sarg. Doch etwas stimmt nicht ganz, die Fenster sind zugemauert, es gibt keine Zuschauer, alle sind auf den Beinen, tragen Rucksäcke, ziehen ihre Sachen in Wägen gestapelt oder in Rollkoffern hinter sich her, andere schleppen sperrige Truhen. Gleichzeitig macht sich in einem Hotel eine Reisegruppe auf den Weg zur Besichtigung der Ebene von Viktoria, die, wie wir aus einer Ansage erfahren, bald geflutet werden. Schwer atmend steht der gelb gekleidete Mann am Fenster. Masturbiert er? Nein, er spricht zu Vögeln die im Käfig herumflattern „Jetzt seid doch mal ruhig, beruhigt euch. Ich glaube ihr seid immer so aufgeregt.“

Am Busfenster zieht die Landschaft vorbei, der Reiseleiter sagt die dazugehörigen Sätze. Die Besucher stellen sich vor, was sie mit der Gegend anstellen werden, wenn sie geflutet ist, durch Gewächshäuser tauchen, an Korallenriffen Fische beobachten. Auch Wissen über die Vergangenheit bringt Gewinn und Zeitvertreib, Zeugnisse großer Kulturen, Ruinen, schön drapiert in der Landschaft, ziehen vorüber. Typische Details, die ganz klar stimmen, finden sich überall. Die Wasserflasche am Boden zum Beispiel, die wie in einem Thriller hin und her kullert, nicht aufhört zu rollen bis sie wo anstößt und „einer muß es ja tun“ sie aufgehoben wird.
Überhaupt Gehäuse überall, Behälter, Käfige, Häuser, der Bus und der gläserne Sarg. Später wird klar, daß sie die gleiche Funktion haben. Beim Blick nach draußen spiegelt sich der Blick des gelb angezogenen Reisenden wie im Glas eines Aquariums, das Innen wird zum Außen. Es geht also um Räume, in denen etwas enthalten ist, etwas, das ein eigenes Leben oder Dasein führt, während außen das Unbegrenzte winkt. Der Gelbe atmet immer schwerer, doch es scheint keine Reisekrankheit zu sein: „Ich kann nicht raus sehen, das da draußen beunruhigt mich.“ Nach und nach erfahren wir, daß er sich an der Schwelle zwischen den Räumen befindet, wie eine Echse, deren alte Haut zu eng wird und darauf wartet, diese abzuwerfen. Die Vorahnung des Kommenden kann nicht in Worte gefaßt werden, ist nur im Unbehangen spürbar. Die anderen Fahrgäste hingegen noch ganz im alten Element schauen aus dem Busfenster den Bewohnern der Viktoriaebene bei ihren alltäglichen Verrichtungen zu: „Sie bringen ihr letztes Holz an die Talsperre, wo es zu Möbeln verarbeitet wird“ – „Hat man ihnen nichts gesagt?“.

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