Machtspiele in der Grube
von Jürgen Kisch

Es gibt einen schwebenden Punkt in „Rhabarber Boy“, an dem sich wie in einem Duell die unterschiedlichen Machtpotentiale schweigend treffen und zur Entscheidung drängen.
Unten in der Grube ist es das seltsame Trio aus Superheldin, Schamanen und blauem Bär, das bedrohlich etwas Dunkles plant – oben im Himmel die kreisenden Silhouetten der Flugsaurier mit krächzenden Schreien wie hungrige Krähen, und dazwischen der Junge, der etwas tun muss, um aus diesem Spiel, das keins mehr ist, herauszukommen.
Er handelt dann auch, und die Verhältnisse, in die der Film mündet, scheinen denen des Anfangs zu ähneln, haben sich aber doch grundlegend geändert. Die goldene Zigarette beginnt zu glimmen, sie ist so etwas wie ein Schlüssel zum nächsten Spiellevel.

Wenn man „Rhabarber Boy“ als Gleichnis lesen möchte, dann handelt es von der Selbstbehauptung des Protagonisten, denn Superheldin, Indianer, blauer Bär und auch Saurier und Urwald sind Teil der kindlichen Vorstellungswelt, wie sie gleichzeitig die Spuren industriell normierter Unterhaltungsindustrie tragen.Unschuld gibt es da  auf beiden Seiten nicht, aber was passiert im Spiel eigentlich, sind die Regeln von den Spielzeugen festgelegt?
Das Schöne an „Rhabarber Boy“ ist, dass er diesen Prozess in einer Reihe von klaren Bildern vorführt und dabei ohne Sprache auskommt. Ein Bilderbuch, in das man eintreten kann.
Dafür steht vielleicht die Collage, die der Junge stundenlang betrachtet und aus der vielleicht alles wie in einem noch nicht enträtselten Plan zu enträtseln gewesen wäre, wenn man den Schlüssel, das fehlende Wort besessen hätte.

Ulu Brauns „Rhabarber Boy“ ist auf seltsam direkte Weise eine Parabel, die uns vertraut und fremd zugleich erscheint, vertraut im Inventar zwischen Dino und Supermarkt; fremd als mythische Erzählung.
Wie andere Arbeiten Ulu Brauns ist auch „Rhabarber Boy“ eine Collage, die Realaufnahmen, Computergrafik und Malerei zusammenführt. Collage steht in seiner Arbeit für die Möglichkeit, direkt, ohne realistische Rechtfertigung mit gefundenem Material erzählen zu können.
Man kann „Rhabarber Boy“ auch als Versuch sehen, die überwältigende Form des Blockbusterkinos in eigener Verantwortung nach zu vollziehen, sich bewusst mit geringen, improvisierten Mitteln daran zu messen und einen Vergleich zu provozieren.
Eine Stärke Ulu Brauns ist der ganz unironische Zugriff auf Material, Thema, Problem, auf das Schöne, das Hässliche - ein Zugriff, der sich als offene Collage zur Erzählung formt wie in „Rhabarber Boy“ oder sich in seiner Videoinstallation Südwest als gleichzeitig stattfindende Ereignisse entfaltet.

Mit der Anfangsequenz des Films wird am Schauplatz das Kraftfeld der Geschichte umrissen –  das zum Urwald vergrößerte Rhabarberbeet, die Libellen und die Silhouetten der Flugsaurier, dazwischen der Junge beim Zerteilen des Wildes. Man versteht das Exemplarische der Situation: Der Junge jagt nicht nur für sich, sondern auch, um Tag für Tag die gierigen Saurier ruhig zu stellen.
Später kommen als weitere Elemente der Erzählung die goldene Zigarette, die Wasserflasche und als zentrales Motiv die Comic-Collage hinzu, - aus der im zweiten Teil des Filmes die lebendig gewordenen Comicfiguren, Superheldin, Indianer und blauer Bär in die Welt des Jungen buchstäblich hineinfallen werden.

Die Handlung entwickelt sich aus den Kraftfeldern der Spielfiguren, nicht aus psychologischen Motiven. Der Film kommt so ganz ohne Sprache und Erklärungen aus. „Rhabarber Boy“ ist auch eine Reflexion über kindliche Imagination.Die Spielwelt wird zum mythischen Gebiet erweitert wie das Rhabarberbeet zum Urwald.Die ausgerissene Comiccollage bildet dafür den Lageplan. Der Junge betrachtet sie mit einer Mischung aus Faszination und Verwunderung. Auf ihr scheint sich Zukünftiges mit Vergangenem zu mischen.
Eines Nachts wird er aus dem Schlaf gerissen. Aus der Ferne locken ihn Stimmen zu einer Falle. Im Erdloch entdeckt er ein seltsames Trio aus Superheldin, Indianer und blauem Bär anfangs jeweils mit sich selbst beschäftigt. Doch bald gibt es erste Kontakte, die Superheldin bietet dem Bärchen ihre Brust zum Stillen an. Der Junge scheint unentdeckbarer Beobachter. Er versucht, Kontakt aufzunehmen und in das Geschehen einzugreifen. Als erstes wirft er eine mit roter Schleife verzierte Plastikwasserflasche in die Grube. Die Gruppe ignoriert das unübersehbare Angebot, was zur ersten Verunsicherung des Jungen führt. In der Grube kommt es zu Konflikten, die Superheldin stürzt über die Flasche und verletzt sich, das Wasser läuft aus. Das Geschehen nimmt immer bedrohlichere Züge an, Libellen werden gejagt, das blaue Bärchen beginnt zu pubertieren und leckt die Superheldin, der Indianer verwandelt sich in einen heulenden Wolf. Die Comicfiguren sind gleichermaßen Gegenspieler und Produkte der kindlichen Vorstellung. Die Falle, die der Junge präpariert hat und in die das seltsame Trio hineinfällt, wird zur Manege ihrer Fähigkeiten und zum Spiegel seiner Wünsche. Je mehr er versucht, das Geschehen in der Grube zu beeinflussen, umso fremder, feindseliger scheint das Verhalten der Spielzeuge. Schließlich bleibt ihm als letzte Möglichkeit nur noch der Abbruch des Spieles – er lockt die Saurier zur Falle.

Vielleicht ist es ein Hauptgedanke des Films, dass die kindliche Versuchsanordnung von Welt, in der zwischen Vergangenheit ( Urwald ) Gegenwart ( Spiel ) und Zukunft ( die Comiccollage, die Plastikflasche) nicht unterschieden wird, das Kind dem Mythischen näher rücken lässt, und ihm ermöglicht, die Erzählung auf direktem Weg zu betreten und als Held zu verkörpern. In „Rhabarber Boy“ ist der Junge keine tragische Figur, sondern eher eine, die über den Verlust des Spielzeugs die Möglichkeiten und Spielregeln des eigenen Potentials zu verstehen beginnt und dadurch auch so etwas wie Verantwortung zu ahnen beginnt.

RHABARBER BOY

15:06 min., HD, 2007

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