Telepathie hat heute Patina

Neue Medien haben eine Vorgeschichte, und alte Medien wie das Minikino-Drama können die Zukunft zeigen— wie auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen dieses Jahr.

Hinterm Horizont hört der Film nicht auf — Ulu Brauns „Die Herberge“ öffnet Riesenräume.

Vor einem Gasthaus zum Ochsen ruht sich ein Kamel aus, und nur ein paar Schritte weiter parkt ein Motocrosspilot seine Maschine vor ausrangierten Betonbarrieren, die wirken, als wären sie die Relikte eines Terroranschlags, an den sich niemand mehr erinnern kann. In Ulu Brauns Kurzfilm „Die Herberge“ grenzen die Alpen ans Westjordanland, die Landschaft in Palästina könnte aber ebenso gut in Arizona sein, wie auch die Berggipfel an einer Stelle stark nach Himalaya aussehen. Was macht dann aber der silberne Mann da, den man eher in der Fußgängerzone einer westlichen Stadt erwarten würde, ein Schausteller in einer Umgebung, die auch ohne ihn schon trügerischer kaum sein könnte? Der Kurzfilm ist eine Disziplin, die dazu verführt, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erledigen. Das ist ein Eindruck, den man auch bei „Die Herberge“ gewinnen könnte, der am Dienstagabend zum Abschluss der 63. Kurzfilmtage in Oberhausen mit dem Preis für den besten Beitrag im Deutschen Wettbewerb ausgezeichnet wurde. Der in Berlin lebende Videokünstler Ulu Braun folgt der surrealistischen Prämisse, dass zusammenkommen soll, was nicht zusammengehört. Mit seinen faszinierenden Szenarien, in denen Anspielungen auf Motive der Kunst- und Bildgeschichte nie so richtig eindeutig werden, schafft er aber bei aller Phantastik doch so etwas wie eine Gegenwartsoberfläche, in der die Raumwirkung von Landschaftsmalerei auf die von Computerspielen trifft. Man kann in „Die Herberge“ eine Menge hineinlesen, vor allem aber wird man das Bedürfnis haben, dass diese Kamerabewegungen, die mit verblüffender Selbstverständlichkeit auf immer neue Überraschungen‚ ja Sensationen treffen, nicht aufhören sollen, Das ist für jeden Film und zumal einen kurzen („Die Herberge dauert 13 Minuten) ein Triumph, denn das heißt dann ja: Format optimal genutzt, und mehr daraus gemacht, weil dessen Beschränkungen überwunden.

In Wahrheit ist die einzige Beschränkung natürlich die der Dauer. Alles, was mehr als 45 Minuten hat, ist schon mittellang und gilt nicht mehr. Der längste Beitrag im internationalen Wettbewerb der 63. Ausgabe des traditionsreichen Festivals in Oberhausen hatte 37 Minuten („Tropikos“ von John Akomfrah), manche kamen aber auch mit nur vier oder fünf Minuten aus. Der Film aus dem Internationalen Wettbewerb, der den wichtigsten Preis (den Großen Preis der Stadt Oberhausen) zugesprochen bekam, ist mit 13 Minuten zufällig fast gleich lang wie „Die Herberge“, zeigt aber mit seinen vollkommen anderen Strategien, wie man die Beschränkungen des Formats gleichsam in das Innere des Films mitnehmen und sie dort wieder öffnen kann. In „Qiu“ von Cui Yi bewegt sich die Kamera kein einziges Mal. Sie ist starr und frontalauf einen Theaterraum gerichtet, in dessen Hintergrund sich eine  Bühne befindet. Für die Besucher sind Tische bereitgestellt, auf denen Tee und Imbisse warten, all das wird zu Beginn von emsigen Geistern besorgt. Dann öffnen sich Türen, die Leute strömen herein, nehmen Platz, schauen einem Knaben zu, der akrobatische Übungen zeigt, und nach nicht einmal zehn Minuten sind sie auch schon wieder weg. Was ist das für ein Etablissement? Was ist das für ein Film?

Während man über diese Fragen nachdenkt, könnte man auch feststellen, dass die Kamera in diesem Film genau da steht, wo in einem Kinoraum der Projektor wäre, dass die Bedeutung in Cui Yis Film aber nicht auf die Bühne (oder die Leinwand) konzentriert ist, sondern dass er dafür alle Türen öffnet. In „Qiu“ denkt ein Film über sein Publikum nach, indem er das Laufpublikum eines chinesischen Varietès zu Statisten in einem Kunstfilm werden lässt. Oder doch in einem lupenreinen Dokumentarfilm?

Die Kurzfilmtage in Oberhausen sind deswegen so spannend (aber auch eine echte Herausforderung an das Konzentrationsvermögen, bei manchmal deutlich über 20 Titeln pro Tag), weil man hier dem Kino dauernd bei seinen Verhandlungen mit den konkurrierenden Feldern zuschauen kann: Musikvideo, Computerspiel, Werbung, Youtubeclip, Ausstellung, Installation – alles ist immer da, strahlt auf alles ab, konstelliert sich ständig neu. In diesem Jahr waren manche Besucher aber auch besonders wegen eines Themenschwerpunkts gekommen: „Soziale Medien vor dem Internet“, kuratiert von Tilman Baumgärtel, nahm den Faden bei einem der allerersten sozialen Medien auf, beim Flugblatt, allerdings nicht bei dessen Geburtsstunde in der Reformationszeit, sondern bei dessen Wiedergeburtsstunde während der Studentenbewegung. In Harun Farockis „Die Worten des Vorsitzenden“ landet eine Seite aus‚der Mao-Bibel als Papierflieger in der Suppe der Bourgeoisie.

Die, heutigen digitalen sozialen Medien lösen zwar mehr ein als noch die wildesten Hoffnungen auf eine globale „Telepathie“, wie sie Joseph Beuys in einem inzwischen stark verwitterten Video mit Nam June Paik im Jahr 1974 äußerte. Sie tun dies aber auf eine Weise, die ihren aufdringlichen Charakter verhüllt. Zwischen dem Flugblatt und dem geteilten Link auf Facebook lag eine Vielzahl von Versuchen, das Fernsehen in die Hände der Konsumenten zu legen und das Nachrichtenwesen zu demokratisieren. Dass damit auch einem neueren Phänomen wie der unbegründeten Prominenz Vorschub geleistet werden könnte, deutete sich schon 1969 in „Der goldene Schuss“ an, einem der unvermuteten Höhepunkte der 63. Kurzfilmtage, in dem ein gewisser Winfried Parkinson sich selbst (acht Minuten lang) zur „Hauptsache“ machte — als Exempel einer Youkultur avant la lettre, die damals gerade Englisch zu sprechen begann, von Likes noch keine Ahnung hatte, aber schon spielerisch-unverschämt danach verlangte.

Bert Rebhandl, FAZ, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05. 2017
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Alles existiert nebeneinander

Die Zukunft, die Technik, und das Chaos: Sie sind eng verflochten in den Filmen, die bei den Kurzfilmtagen Oberhausen zu sehen waren.Während der Kurzfilmtage (11. – 16. Mai), konnte man sich in diesem Jahr immer wieder in ähnlichen Szenarios wiederfinden: In apokalyptischen Welten voll Endzeitstimmung und in Spähren euphorischer Zukunftsseligkeit. Vor allem letzteres kam unvermutet mit dem von Tilman Baumgärtel konzipierten Themenschwerpunkt „Soziale Medien vor dem Internet“….

Zurück in den Wettbewerb, denn einer der seltsamsten Filme schaffte es, alles zu vereinen – Utopie, Dystopie, Hirten und Motorradfahrer, GTA-Optik und gemalte Tableaus: „Die Herberge“ von Ulu Braun, welcher dann auch den Deutschen Wettbewerb gewann. In dieser vor- wie nachsintflutlichen Landschaft brauchte man gleich gar nicht mehr nach Erklärungen zu suchen, vielmehr schien es ausdrücklich um das absurde Nebeneinander zu gehen, das möglicherweise viel mit der Gegenwart zu tun hat. Es wirkt, als hätte Ulu Braun alles an Wirklichkeit in einem einzigen Bildrahmen versammeln wollen, quasi Hieronymus Bosch als Videokunst. Das ist eine andere Art der Gleichzeitigkeit, wie sie zum Beispiel in „Good Morning Mr. Orwell“ zu sehen war, auch weil sich die beiden Kanäle in Paris und New York auf eine gemeinsame kulturelle Referenz einigen konnten, während in Brauns Arbeit alles interessant und apokalyptisch und wesensfremd nebeneinander existiert. Simultanität ereignet sich hier im Bild und ist keine Event-hafte Abfolge. Das sorgt für Konfusion und ist mental gar nicht leicht zu verarbeiten. Was wiederum gut zu den Kurzfilmtagen passt.

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Carolin Weidner, taz.de, 18.05.2017
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Videokunst zeigt verstörende Wirklichkeits-Schnipsel

Bochum. Videokunst gehoert zu den Schwerpunkte des Bochumer Kunstvereins in den Ausstellungsraeumen auf Haus Kemnade. Eine besondere Entdeckung der Faszination dieses Genres ermoeglicht eine Ausstellungsfolge mit Arbeiten des Berliner Videokuenstlers Ulu Braun (Jg.1976), die bis zum 21. April zu sehen ist.

Ulu Brauns Filmmaterial stammt aus den unterschiedlichsten Quellen und wird collagen-haft zu Panoramen zusammengesetzt, die durch ihre schiere Größe und ihre eigentümliche Unmittelbarkeit die Aufmerksamkeit fordern. Es sind surreal anmutende Landschaften, Menschen und Gebäude, die hier aufeinander treffen, und die auf den ersten Blick nicht zusammen zu gehören scheinen. Irritierend ist aber, dass all diese Film-Schnipsel doch Wirklichkeitsabbildungen sind, wie man sie aus dem Fernsehen oder dem Internet kennt. In einer komplexen Bildsprache konfrontiert Ulu Braun den Betrachter mit drängenden gesellschaftspolitischen Themen, Globalisierung, Umweltzerstörung und Ökologie, Tourismus, mit dem urbanen Raum und der Wüstenei der Peripherie. Das geschieht zu einem fast spielerisch, wie im Video „Vertikale“, das sinnigerweise im Treppenhaus der Wasserburg läuft, und in dem Menschen, Tiere und Fantasiegestalten beständig aufwärts streben: Bergsteiger klettern über Grate, ein Hunde läuft eine Treppe hinauf, James Stewart in „Vertigo“ stürzt die Stufen zum Kirchturm hoch. Sog-artig wird der Betrachter von schnell laufenden, überbordenden Bildern angezogen, die sich schließlich weit in die Höhe hinein öffnen, im Verlassen des Wassers, des Bodens, der Luft, und die zum Schluss zu flackendem Sternenstaub werden.Aber Braun hat auch verstörend unbehagliche Blicke auf unsere Welt zu bieten, so in der Arbeit im großen Saal des Kunstvereins. Es geht um das Thema Wasser; das Video läuft an mit der schon verfremdeten Szenerie des Eismeeres, es folgten Schwenks über Küstenlandschaften, die erst real, dann immer grotesker, abstoßender, dreckiger werden. Gezeigt wird das Abschlachten von Thunfischen, gefolgt von einem Wasserballett (!), es folgt eine düstere Höhle, in der Müll treibt, und in deren Wasser eine Wäscherin steht‚¦ Das passt nicht „wirklich“ zusammen und ist doch im Ganzen ein scharfes, auch politisches Statement über den frevelhaften Umgang des Menschen mit dem Lebensmittel Wasser. Ulu Braun legt in seinen Videos eine Welt bloß, die sich in ihrer Bandbreite von skurril bis dramatisch offenbart. Dieser komprimierten Bilderflut kann man sich nicht entziehen. Und man sollte es auch nicht. Unbedingt ansehen!

Jürgen Boebers-Süßmann, WAZ, 21.02.2014
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Ein Spiel mit Mythen

Kann man Kunst einen Wert zumessen, der an Zeit orientiert ist? Sicher nicht. Besucht man aber die Räume des Kunstvereins Konstanz, sollte man mindestens 20 Minuten mitbringen, denn so lange dauern in der Summe die drei Videocollagen des Berliner Künstlers Ulu Braun, die dort gezeigt werden.

Die Papiercollagen in der Seitengalerie hätte man dann aber noch nicht auf der Rechnung. Diese Überlegungen führen auf eine interessante Fährte. Im Unterschied zum Gemälde oder der Fotografie lenken Videos (wie der Film) die Blicke des Betrachters viel entschiedener, sie vereinnahmen ihn auf direktere Weise, indem sie ihn für eine bestimmte Zeitspanne an das Kunstwerk binden. Wobei das Spiel mit erzählenden Elementen einen besonderen Reiz ausmacht, mit dem also, was als wiedererkennbar gedeutet wird. „Mich interessiert das Spiel unterschiedlicher Kräfte“, sagt Ulu Braun. „Ich mache eher etwas über Statements, als dass ich selber welche abgebe“. Das gelte freilich nur für seine künstlerische Position, denn als Privatmensch habe er durchaus eine politische Meinung.

Die Aussagen lassen aufhorchen, klingt doch hier leise an, dass es Reibungsflächen gibt zwischen kritischer Reflexion und der Suche nach einer Utopie, in der die Welt eine bessere sein könnte. Seinen Arbeiten ist diese Ambivalenz in der Tat eingeschrieben, vielleicht auch, weil es sich kein zeitgenössischer Künstler mehr erlauben könnte, von der heilen Welt zu träumen und diese dem Publikum ungebrochen zu präsentieren.

„Atlantic Garden“ (2010) ist der Titel der Videocollage, die den größten Raum im Oberlichtsaal des Kunstvereins einnimmt ‚“ auch wenn sie mit gut sechs Minuten nicht die längste Arbeit ist. Es handelt sich vermeintlich um einen 360-Grad-Schwenk über eine idyllische Landschaft am Meer, in der sich verschiedene Menschengruppen treffen. Der fiktive exponierte Standort des Betrachters, der sich durch das kurze Einblenden einer Möwe am vorderen Bildrand auch fragen muss, wer er selbst ist, erinnert an das, was als mittelalterliche Szenarien filmisch verkauft wird. Dann singt ein Kinderchor, den Ulu Braun einem Kirchentag entliehen hat, ein Ritter und eine Gruppe junger Menschen auf grünem Rasen gleiten vorüber. Und eine Herde Pferde, die Richtung Meer galoppiert.

Ulu Braun zeigt Orte, verschmilzt Mikrokosmen, in denen spirituelle Gruppen zusammenkommen ‚“ „Orte, an denen sich Menschen treffen und über Konzepte nachdenken“. Die Oberflächen hat Ulu Braun glatt poliert, er zeigt positive Bilder wie in einem Kinderbuch. Gleichzeitig zitiert er damit aber auch den Anspruch, den das Medienzeitalter an die Menschen und ihre jeweiligen Gesellschaften stellt. Schönheit sticht Kritikfähigkeit aus. Dass Ulu Braun mit Medienzitaten arbeitet, ist zeitgemäß, und das Copyright hat dabei längst einen anderen Stellenwert erhalten: „Es gibt ein Recht der höheren Schöpfungsebene“, sagt Ulu Braun. Subversiv auch der vermeintliche Wiedererkennungswert, das evozierte Alltagsempfinden inmitten der nur minimal durch Nahtstellen kenntlich gemachten zweifelhaften Utopie. Kennt man das Phänomen nicht auch von der Werbung? Hat es nicht mit finanzieller Macht zu tun? Ja, irgendwie erinnert das Land am Meer auch an die Bilder von Long Island, wo all die Kennedys dieser Welt ihre Anwesen haben. Im gleichen Raum noch eine Arbeit, die nicht so weit ausholt, sondern sich an einem bekannten Kinderspiel orientiert, in dem Figuren von verschiedenen „Autoren“ aus Teilen zusammengesetzt werden. „Cadavre Exquis“ nennt sich die Methode, die auch die Surrealisten aufgriffen. Seit zehn Jahren arbeitet Ulu Braun zusammen mit Roland Rausch meier aus Wien an solchen Figurenporträts, wobei sie ihre Entwürfe heute als Videocollage realisieren. Bei „Proust“, einem Porträt aus einer 10 Teile umfassenden Serie, ist der klopfende Mann am Tisch einem Fassbinder-Film entnommen. Vor ihm Fleisch, das eine Krähe anzieht, Rauch steigt von einer Zigarette auf, während im Hintergrund zähe Flüssigkeit fließt. Schließlich die 2013 entstandene Videocollage „Forst“, die knapp 11 Minuten lang einem narrativen Konzept folgt. Wie ein roter Faden zieht sich die Spur einer Aschenbahn durch einen Wald, der reich mit Mythen angereichert ist. Kinder tanzen auf einem Steg am Wasser in reiner Unschuld, dann ein Jäger auf dem Ansitz, eine hetzende Hundemeute. Lichtes, sonnendurchflutetes Grün bekommt rote Einschlüsse, schließlich ein erschöpftes Ende, das Athleten wie die Natur erwartet. Eine Apotheose, die ästhetisch ausgefeilt ist und zwiespältige Gefühle hinterlässt. Ein interessanter Künstler, der auch wiederholt auf der Berlinale vertreten war. Sehenswert.

Brigitte Elsner-Heller, Südkurier, 27.02.2014
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Wenn die Seifenblase des schönen Scheins platzt

Den Traum vom großen Glück, vom erfüllten Leben verkaufen sie uns – Lifestyle-Magazine, die Hochglanzbroschüren der Tourismusbranche und der Werbeindustrie.

Doch der Berliner Künstler Ulu Braun entlarvt ihn in der Ausstellung „Land of Confusion“ im Kunstverein Ludwigshafen als trügerisches Versprechen, als brüchige Idylle. Denn hinter der scheinbar makellosen Fassade tut sich ein tiefer Abgrund auf. Eine smogverhangene Skyline zeichnet sich auf einer großformatigen Wandprojektion ab. Im Vordergrund herrscht reges Treiben im Hafenbecken. Plötzlich gewinnt die Szenerie an Dynamik. Ein simultanes Nebeneinander bizarrer Momentaufnahmen spielt sich ab. Ein Kampf zwischen Haien und Menschen ist zu sehen. Am Bildrand ein Nilpferd. Wir erkennen auch einen Feldarbeiter, ein chinesischer Reisbauer vielleicht. Eine riesige Müllhalde türmt sich neben dem Gewässer auf, das zu einer blutrot gefärbten, ölverschmierten Lache wird. Irritierend wirkt das, weil Braun uns durch das Montieren der widersprüchlichen Bildelemente auffordert, genau hinzuschauen. Er zwingt uns, die grotesken Gegensätze der globalisierten Welt, die Dichotomien zwischen Arm und Reich, intakter und zerstörter Umwelt in einer Gleichzeitigkeit wahrzunehmen, die verstört. Die „Westcoast“, Inbegriff einer verheißungsvollen Landschaft, mutiert hier zum Panorama der zivilisatorischen Sünden. Subtil eröffnet Braun, der 2013 mit „Forst“ den Deutschen Kurzfilmpreis Lola in Gold für den besten Experimentalfilm gewann, ein breites Feld an Assoziationen: Immer wieder klingen Samuel P. Huntingtons heraufbeschworener Kampf der Kulturen aus „The Clash of Civilizations“, die apokalyptischen Bildvisionen eines Hieronymus Bosch in den aus 500 bis 1000 Einzelsequenzen, Film- und Medienzitaten zusammengestellten Videocollagen an. Raffiniert kombiniert Braun dabei das weichgezeichnete Kolorit der Medienwelt mit der nüchternen Bildsprache des Dokumentarfilms. Zwischendurch ironische Verschnaufpausen: zum Beispiel in der absurd-komischen Videocollage „Merkel“, in der die Bundeskanzlerin in französischem Kauderwelsch vor der New Yorker Börse die Finanzkrise zu erklären versucht. Doch sie währen nicht lang. Im animierten Kurzfilm „Die Flutung von Viktoria“ endet eine Busreise zur Besichtigung eines Staudammprojekts in der Katastrophe. Drastisch wird uns das Ergebnis menschlicher Hybris vorgeführt. Ebenso in der Videocollage „Vertikale“. Eine Kamerafahrt führt aus den Tiefen des Meeres bis zum Menschheitstraum Raumfahrt, akustisch unterstützt durch einen penetrant hohen Piepton. Hier zeigt sich die Evolutionsgeschichte als rücksichtsloser Wettlauf um das Höher, Schneller, Weiter. Das Dogma vom unendlichen Wachstum wird radikal in Frage gestellt. Am Ende platzt sie, die ins Universum aufsteigende Seifenblase; wird von gewaltigen Wassermassen ertränkt, unsere „schöne neue Welt“. Zurück bleibt der Betrachter: ernüchtert von der Erkenntnis, dass wir ihr wohl alle aufgesessen sind, der Verführung des schönen Scheins.

Caroline Blarr, Mannheimer Morgen, 28.12.2013
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Ein Nachfahre von Hieronymus Bosch?

Kann man durch eine Tartanbahn schwimmen? Überleben Busreisende den freien Fall? Und wenn ja, warum?

Ulu Braun (37) ist ein vielfach ausgezeichneter Geschichtenerzähler, aber seine Videocollagen haben kritische Zähne. Im Kunstverein Ludwigshafen kann man jetzt sehen, was es mit dem „Land Of Confusion“ des in Berlin lebenden Künstlers auf sich hat. Der Ausstellungstitel klingt kokett. Aber die Verwirrung liegt im Auge des Betrachters. Ulu Brauns Welt ist chaotisch und unheilbar romantisch, ein Wechselbalg aus Ideenflucht und Präzision, falschen Bildern und echten. Das klingt nicht sehr gut, heutzutage. Obwohl die wandgroßen Video-Panoramen nicht übermäßig lang sind, stecken sie doch voller Rätsel. „Die Flutung von Viktoria“ erzählt von einem Touristenbus, der noch rasch ein zur Flutung freigegebenes Gebiet abfahren will und mitsamt den Insassen über eine Felsklippe mitten ins bedrohte Paradies stürzt. In The Park“ geht es im Panoramaschwenk von Stadt zu Freizeitgelände und Wildnis, und in „Vertikale“ läuft das Video kurioserweise senkrecht ab. Womit nur das dürre Gerüst der unendlich detailreichen Werke umschrieben wäre. Zum Beispiel „Westcoast“. Der aus unterschiedlichen Bildquellen geloopte, gesampelte und digital collagierte Bilderfries ist mehr halluzinierte als beschriebene Küstenlandschaft. Ein Mann steht gegen den Wind, Müll schwimmt in einer Höhle, das Auge passiert Städte, Eislöcher, Felsengewirr, kurios herumtaumelnde Boote, ein Gelberüben fressendes Nilpferd und Staffagefiguren von skurrilem Reiz. Die visuelle Oberinstrumentierung scheint Prinzip. Nacherzählen lässt sich der virtuos mit Fiktion und Dokumentation spielende Siebenminüter nicht. Aber genau das ist es, was Ulu Brauns in der Regel aus 80 Prozent eigenem und 20 Prozent Fremdmaterial bestehenden Videos so einzigartig macht. Sie sind süffig inszeniert, lassen sich bequem mit den Augen abfuttern, erschließen sich in ihrer manchmal nur absurden, manchmal verstörend unbehaglichen Erzählweise erst allmählich. Ulu Braun hat in Wien und Babelsberg Malerei und Experimentalfilm studiert. Seine Arbeiten sind Mini-Dramen, in denen es um Medien, Globalisierung, Ökologie, Freizeitverhalten, „wilde“ und urbane Räume geht, um Arbeitswelt, Ursprünglichkeit und kulturelle Überformung; Vergangenheit und Jetztzeit. Das alles wird mit brachialer Sanftheit in surreal anmutende Tableaus verwandelt. Da passt es dann gut, das Braun (mit R. Rauschmeier) eine Video-Variante der Cadavres Exquis erfunden hat. Ein besonders hübsches Beispiel ist „Merkel“, auf dem die Kanzlerin in etwas mehr als zwei Minuten die Weltwirtschaftslage erklärt. Auch hier bewährt sich Braun als raffinierter Bildverwerter. Man könnte ihn für einen Nachfahren des Hieronymus Bosch halten.

Sigrid Feeser, Die Rheinpfalz, 03.12.2013
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Eine Art Kriegskunst

… Der Titel erscheint zunächst als eine Art Idealisierung. Der Bezug auf eine historische Form ist eindeutig. Die Ausstellung aber kann auch ohne diesen Titel. Sie ist stark, funktioniert und schafft Neues.

Sie aktualisiert das Thema der Collage, indem sie erst einmal Abstand zu ihr gewinnt. Zunächst. Auf diese Weise erst wird ein spielerischer Umgang mit der Formalie möglich. Und das geht so: Im MARTa Herford ist eine vertikal ablaufende Videoarbeit von Ulu Braun ausgestellt. Ausschnitte aus Spiel- und Trickfilmen, Dokus und Fernsehshows sind aneinander montiert. Alles beginnt mit dem Auftauchen aus dem Wasser, man kommt an Land, wähnt sich angekommen und steigt doch immer weiter nach oben. Die Bewegung der Figuren nach oben ist beständig, während die Umgebung nach unten fließt. Man weiß selbst nicht, ob man steigt oder ob etwas fällt. Man sieht Kaskaden von Wasser, Steinen, Wolken. Es ist eine Auflistung von allem, was hängt oder fließt, Wasserfälle, Kleider, Haare und Äste. Begleitet wird das Ganze von repetitiven Sounds. Eine Art Suspense-Effekt wird erzeugt; man erwartet, dass etwas geschieht, aber es passiert nichts. Man steigt einfach nur immer höher. Der Film ist als Montagewerk der Collage verwandt. In Brauns Arbeit sieht man die Schnitte und Klebestellen. Der Effekt für den Betrachter ist unglaublich. Auf der Schwelle zwischen der Auf- und Abwärtsbewegung der vorüberlaufenden Bilder findet man sich inmitten der Collage direkt auf der Klebefläche wieder…

Radek Krolzcyk, TAZ, 18.11.2013
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Ulu Braun, …

… working in Berlin, produces an especially effulgent kind of hyper-video, designed for installational ‚“ indeed, room-size‚“ projection and based on a voracious comprehension of filmic culture, classic and contemporary.

Marco Brambilla exhibits a similar sensibility, but Brambilla is a clear and dogged formalist, avoiding narrative in favor of citation; by contrast, it is the very sense of pictorial drama unfolding over time with which Braun plays time and again, inserting his manifold quotations into far larger, unfolding, often picaresque schemata (albeit ones that can ultimately loop around on themselves). Braun’s projections are mesmerizing first because of their stunning vividness (as well, of course, as their walk-in scale); but they keep us riveted less through incantatory repetition than through the promise of surprise, of absurd spatial juxtapositions and lunatic sequencing. Braun thinks big, even panoramically, and exploits the expansive potential of the latest video technologies to their utmost; but his is not a stentorian voice, but an orchestral one, coordinating a vast array of detail into a coherent whole. (Youngprojects, 8687 Melrose Ave., W. Hywd.)

Peter Frank, Huffington Post, 03.2013
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Remote Controlled Humanity – The Art of Ulu Braun

We experience the diverse transformations of our environment every day anew‚ as in a kind of endless loop. Our more daily uses and abuses of consumer goods has become a compulsive act, that lasts meanwhile round-the-clock. The many environmental transformations of our world pass us daily in a circular motion.

Our use (and  misuse)  of  products  and  overall  consumption has become an involuntary action that follows a 24-hour course.
This circular view is literal when it comes to the artwork of Ulu Braun. His videos loop, as if you yourself were turning in circles, with images of people, animals, landscape and the constant hustle and bustle of the world around us. For Braun, it is this constant movement that is „powered by climate and the environment yet remote-controlled by culture and the media“. Though political, social and cultural art tends to want to change your perception of a situation, all art is personal to the creator, and Braun’s work is no different.
„I would like my artwork to give people an experience that science, politics and shopping can’t give,“ states Ulu.
Policeman or Artist?
Braun was the youngest of six, born in Schongau in the south of Germany. Of all his siblings, he was the last one you might have expected to become an artist. The others became hippies, painters and photographers. Braun just wanted to be normal and even dreamed of becoming a policeman. But in his teens, he got in touch with his artistic side and became interested in graffiti and the audio dramas of German artist and comedian, Helge Schneider.
Though Braun’s roots are in Germany, he’s also lived a number of years in Vienna and Helsinki where he studied art and film. It was in these cities that he joined the group YKON and BitteBitteJaJa, an artist collective, each dedicated respectively to the advocacy of „unrepresented nations, experimental countries and utopian thinkers“ and the collective works of Braun and his cohort, Roland Rauschmeier. And it is in these experiences that he pronounces his desire to „work with a universal language“.
Included in this universality is the multi-disciplinary form of his creations that often alternate between video and collage – a combination that has characterised his work since his graduation from programmes in painting and experimental film from the University of Applied Arts in Vienna. 

A Story in Loop
It wasn’t until 2002, during his studies at Babelsberg Film University in Potsdam, Germany that his career started taking off with artwork exhibited in Germany, Austria and Iceland. His time at Babelsberg was quite influential in his artistic development as that was when he began to envision his videos as art.
When I did narrative videos at the film school, I got ignored,“ says Braun, „but in the field of art it was appreciated. Nowadays, I intuitively choose if a project will become a film or video installation. I like to explore new expressions I have not seen before.“
The differences between his film and video works are striking, though his collage style is always evident in the creations. While the films are narrative, they take on a very other-worldly perspective, whether presenting a forest of rhubarb or a soup made from the ocean. In the video works, images are looped and much more abstract. Though they rotate (literally and conceptually), they always maintain a constant theme – our relationship to the earth and the culture and media that guides it.
Humans are Animals
In Fish Soup, a collaboration with Alexej Tchernyi, the story begins with the collection of ingredients: truckloads of olive oil, herbs, garlic, and more; all prepared for tossing into the ocean. Meanwhile, nuclear bombs are positioned deep in the water. The ensuing tragedy is both an astonishment and a joy.
This awkward relationship between astonishment and joy is abundant in Braun’s work. There is a con-stant vision of humanity sucking the life out of the earth and its resources, while providing a pleasurable experience to those who are sucking.
You can experience this with a panoramic view on a public place,“ says Braun. „Life is complex, tragic and beautiful.“
It is during these moments that we feel a relation to the scene – it is one that we have had, could possibly have, or might want to have in the future.
As if looking out from the peak of a mountain, the view in Westcoast is one that surveys the animalistic nature of humanity in the way that it absorbs, digests and regurgitates the land which it inhabits.
In my eyes, humans are animals,“ Braun states bluntly. „We just try to behave as humans to be smart, cool and intellectual, but if the situation becomes existential, we become egotistic and primitive.“
Utopic dreams
Amongst all of this societal mess, Braun strives for a higher goal: a world where life is simple and not influenced by media, religion, or drugs. Some might call this a dream of a utopian society, but for Braun it would simply be a happier one.
Recently he’s produced a video titled Park, shot from within a park, that investigates the boundaries between urban and natural environments. Not long ago the video was shown at Galerie Olaf Stüber in Berlin who represents the artist’s work.
In addition to his personal work, he also continues his projects with YKON and BitteBitteJaJa. This year he went to Brazil with YKON, where they showed their work at the 8th Bienal do Mercosul in Porto Alegre. Last year BitteBitteJaJa had a show at Galerie Olaf Stüber.

Andrew Ütt, Vangardist Magazine, Nov.2011
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Collagierte Wirklichkeiten

Natürlich kann man das romantisch nennen. Wenn Ulu Braun in seinen Videos bevorzugt eine auf den ersten Blick vor allem schöne neue Welt entwirft. Und wie in ,Westcoast“ oder auch „The Park“ mit einem einzigen Panoramaschwenk eine Stadt am Meer betrachtet, in der Kultur und Zivilisation und Wildnis. Sport und Freizeit und archaische Rituale sich nebeneinander unter strahlend blauem Himmel finden; wenn Paare und Passanten, Betende und Akrobaten, Mensch und Tier sich in scheinbar unberührter Landschaft wie im Vorbeigehen begegnen.

Doch ganz so einfach, wie es sich manche Kritiker machen, ist es mit dem Werk des in Berlin und Helsinki lebenden Künstlers dann doch nicht. Denn romantisch sind Brauns Arbeiten kaum in einem emphatischen, sondern allenfalls in einem formalen Sinne insofern, als sie erkennbar Konstruktionen sind. Das gilt für die aus Hunderten, womöglich Tausenden Filmschnipseln am Computer montierten Videos ebenso wie für die Collagen auf Papier, die derzeit in der Frankfurter Galerie Wolfstädter zu sehen sind. Auch hier kommt zusammen, was scheinbar nicht zusammengehört. Und bei genauerer Betrachtung unbedingt zusammengehört. Hier vor pittoreskem Alpenpanorama eine Gruppe Afrikaner in traditioneller Tracht, eine Wiese voller Herbstzeitloser und Drops in poppig bunten Farben, dort der Gekreuzigte im Birkenwald vor einem gewaltigen Topf Cappuccino oder, wie in ,Jungle“, ein verwunschener Kosmos voll verführerischem Zauber. Ein Dschungel freilich, der wie schon in Brauns Filmen die Idylle zwar beschwört, doch stets als trügerische kenntlich macht. Wenn sich in „Jungle“ Models, Katastrophenhelfer und süße Leckereien, Tagelöhner und ein Astronaut, ein Bär, ein Forscher und ein Schweinehirt in Schlips und Kragen, Natur und Zivilisation, Archaik und eine globalisierte Moderne stets auf einer Ebene zusammenfinden, dann ist es mit der Vorstellung vom Garten Eden nicht mehr so arg weit her. Denn irgendwer muss für die Idylle auch bezahlen. Der 1976 geborene Braun, der in Wien Malerei und an der Potsdamer Filmhoch-schule studiert hat, geht nicht so weit, derlei gern von Individualreisenden imaginierte paradiesische Panoramen schlicht gegen das Elend auszuspielen oder eindimensional apokalyptisch zu konterkarieren. Vielmehr sind diese phantastisch virtuellen Welten unserer im Grunde zum Verwechseln ähnlich. Sind sie doch als aus der Flut medialer Bilder collagierte Wirklichkeiten aus Filmen, Modemagazinen und Zeitschriften, aus eigenen Fotografien, Malerei im Kern geradeso wie unsere nichts als eine Konstruktion.

Christoph Schütte, FAZ, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2011, S. 48
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Ulu Brauns „Fiebergärten“

Poetisch und expressiv zugleich sind die utopischen Landschaften, die uns der Berliner Künstler Ulu Braun in seinen romantisch-artifiziellen Panoramen und Filmsequenzen präsentiert. Für den Kunstverein Springhornhof in Neuenkirchen, wo er gerade ausstellt, hat Braun den Film „Fiebergärten“ mitgebracht.

Darin präsentiert er als Romantiker, Ironiker und tief schöpfender Philosoph eine Landschaft, ein künstliches Paradies zwischen Traditionalismus und Globalisierung. Vor ewig blauem Himmel, eine Art paradiesischem Arkadien, tanzen auf der grünen Wiese Derwische und Prediger, Landkommunarden, Esoteriker und ökologische Weltverbesserer ihre Kür der Heilsversprechungen.
Braun ist ein versierter Ironiker, ein Poet und Mystiker, der mit seinen viel beachteten Filmen kritisch wachrüttelt und auf Festivals für Furore sorgt. Unbedingt sehenswert ist die Ausstellung, die am Sonnabend, 21. August unter Anwesenheit des Künstlers eröffnet wurde.

(mae), Hamburger Abendblatt, 2. Sept 2010
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… Geradezu parodistischen Humor …

entwickelt Ulu Braun in seinem animierten Panorama am Eingang zur Ausstellung. Auf einem Flatscreen führt er nicht nur die idealisierende Landschaftsmalerei ad absurdum, sondern kommentiert auch bitterböse die Event-Geilheit einer gelangweilten Erlebnisgesellschaft. Sein Schwenk durch eine vom Computer generierte und montierte Kunstlandschaft erinnert schmerzhaft an die Bilder, die uns von der letzten Expo und von Weltausstellungen in Erinnerung geblieben sind. Evoziert werden auch Anspielungen an Ferienparadiese zwischen Sharm-ash-Sheik, Mallorca oder Zermatt.

Urs Steiner, 6. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
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Ulu Braun‚ Fiebergärten:

Der in Deutschland und Finnland lebende Künstler erweist sich mit seinen Collagen, Skulpturen und Filmen als ein kritischer neuer Romantiker. Filmsequenzen und Bildmotive aus unterschiedlichsten Quellen montiert er zu Landschaftspanoramen, deren Thema die giftige Faszination künstlicher Paradiese ist. So tummeln sich in seinem neuesten Film tanzende Derwische, spirituelle Prediger, fröhliche Landkommunarden, beseelte Esoteriker, ökologisch motivierte Weltverbesserer und prachtvoll gewandete Akteure eines Mittelalterspektakels in einer idyllische Küstenregion unter ewig blauem Himmel. Doch in solcher Perfektion verkehrt sich schnell die schöne Utopie in ihr Gegenteil.

Hajo Schiff, TAZ, 25.09.2010
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DIGITAL DIVIDE: New video installation juxtaposes positive and negative images of capitalism

…Braun is only in his early 30s, and his formal training as a painter gives him a distinct advantage over many other digital artists. He understands how to blend irony and shock value with mystique and ghostly ambiance, creating something entirely new out of disparate elements.

He’s unafraid of employing the computer as just another tool, and one suspects he could just as easily (and exactly) paint these images as edit them. But since the moving image is so powerful and eye-catching, he has settled for nothing less. The piece’s soundtrack — ominous, heavy and droning — is perfect. Indeed, the images are boosted by the apocalyptic sonic background, and I can’t help but get confused about what I’m looking at: Is thus Braun’s nightmare or my own? Am I dreaming now as I write this, or was I awakened by an installation tucked away in a Summerlin strip mall?

Braun’s work stands among the best installations ever unveiled in Vegas, arriving at a moment when we probably need it. With local doomsayers predicting a „no-growth“ future for the next decade and beyond, it’s crucial to experience a work like Braun’s. After all, it reminds us how we reached decay: by ignoring our deeper connection to the earth and each other, and settling for greed and greed alone. There’s no activism going on here, however — it’s the cold eye of an artist noticing details that most others don’t see.

Fremont Street Experience has nothing to worry about, of course; Beauty and Horror is for another audience comprised of non-tourists. I just hope that the Vegas art crowd takes an opportunity to catch Braun’s work before he blows up in Europe.

Jarret Keene, Las Vegas CityLife, July 2009
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Visionäre „Westcoast“ : Videos von Ulu Braun

Eine neuartige und eigenwillige Bildsprache, experimentell und doch ausgereift. Sie zieht den Betrachter hinein in packende FilmPoesie. Ulu Braun zählt zu den seltenen Künstlern, die wirklich Neues schaffen und auch etwas zu erzählen haben. Nach einem Studium der Malerei in Wien begab er sich an die Filmhochschule in Potsdam, um seinen Stil der Video-Collage zu vervollkommnen.

In der Galerie Koal sind fantastisch-bizarre Visionen in und um eine brodelnde Wasserlandschaft zu besichtigen. Hochhäuser und Felsen bilden den Gegenpart. Marken, Müll, Mensch und Tier bevölkern diese „Westcoast“. Nur sieben Minutenlang, steckt ein Jahr Arbeit in der aus circa 1000 Einzelelementen (wie Fotos und Filmausschnitten) gefertigten Videocollage. Eine ausgestopfte Möwe wacht neben einer Steckdose über die nötige Stromzufuhr.

Ausgangspunkt des ungemütlichen Videos sind selbst gedrehte und aus Brauns Sammlung von Fernsehbildern ausgewählte Sequenzen, die geloopt, gesampelt und schließlich auf einer digitalen Leinwand collagiert wurden. Der in Berlin und Helsinki lebende Künstler (Jahrgang 1976) verschmilzt dabei einzelne Clips stimmig zu einem großflächigen Tableau, das starke Sogkraft entfaltet.

Fast wie bei Hieronymus Bosch, nur dass hier einer das Welt-Gewusel mit dem Medium Video malt; den Widerstreit zwischen Natur und Technologie, globalisierter Umwelt und Konsumgesellschaft andeutend. Bedrohlich und doch auch beruhigend, so lange das Hippo noch Karotten frisst und ein Reigen munterer Nixen ornamentale Kreise zieht. Übermalte PapierCollagen ergänzen die Westküstenhalluzination magisch („Kristallzucht“) und märchenhaft („Schlange“).

Andrea Hilgenstock, Die Welt, 27.02.2009
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Videodramolette

Was ist geblieben von den verehrten Großen Geistern, den Genies von einst, den Forschern, Komponisten und Filmschönheiten? – In den Portraits des Künstlerduos BitteBitteJaJa tauchen sie wieder auf als Zombies unserer kollektiven Erinnerung. Ob Franz von Assisi, Kopernikus, Erasmus von Rotterdam, Felix Mendelsohn-Bartholdy, Marcel Proust, Daphne oder Katherine Hepburn, sie alle tauchen in den Cadavres Exquis Vivants auf – auserlesene, lebendige Leichen, medial aufbereitete Untote, Mumien des Medienzeitalters, bitterböse zerstückelt und liebevoll neu zusammengesetzt. Einfach hinreißend der tränenreiche Blick von Katherine Hepburn, die halb versteinert, in immer wieder kehrendem Ritual dazu verdammt ist, eine billige Kaffeemaschine zu bedienen, deren Stromkabel als brennende Zündschnur endet. Die Explosion aber kündigt nur an, dass das Spiel von vorne beginnt.

Schwer zu sagen, was die hintergründig-schrillen Portraits von BitteBitteJaJa wirklich sind: Lightbox, Kurzfilm, Videocollage? Ein überdrehtes, herzzerreißendes Horrorkabinett mit einem Schuss Jahrmarktspektakel aufbereitet aus den neuesten Erfindungen der digitalen Bilderstellung. Als Künstlerteam arbeiten Ulu Braun (*1976) und Roland Rauschmeier (*1974) seit 1997 zusammen. Beide treten auch als Einzelkünstler in Erscheinung. Roland Rauschmeier (vormals Roland Seidel) hat sich erst kürzlich den wirklich genialen Künstlernamen zugelegt. Herzlichen Glückwunsch! Selbstbestimmung: „Ich will alles machen und bin noch lange nicht fertig damit.‚ Ulu Braun trafen wir im Treppenhaus der abc in Berlin, wo er den Fragen zu Cadavres Exquis Vivants und der Abwesenheit seines Duopartners standhielt.

http://www.eiskellerberg.tv

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